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Texte überfroren, Texte in Folie

30.03.2001 Ostsee-Zeitung von Matthias Schümann

Steintor-Vorstadt (OZ) „Jede Sprache entfaltet sich in einem arteigenen Bezugssystem“, schreibt der Wolgaster Lyriker Kurt Scharf in einem Essay über seine Erfahrungen beim Nachdichten polnischer Lyrik. „Asymptotisch“ nennt er dabei die Tatsache, dass man sich als Außenstehender dieses Bezugssystem kaum vollständig aneignen kann. Es bleibt immer ein Rest.
Die versuchte Annäherung prägte auch die Präsentation der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift „Risse“ im OZ-Haus, die sich die Propagierung von Literatur aus Mecklenburg und Vorpommern auf die Fahnen geschrieben hat. Doch es zeigte sich, dass sich bereits dieser Gegenstand dem forschenden Zugriff entzieht. „Als wir uns mit einer Lesung bei der Leipziger Buchmesse präsentierten, hatten wir eine Autorin aus Hamburg, einen Autor aus Berlin und einen aus Leipzig“, sagt Redaktionsmitglied Dr. Wolfgang Gabler. Jeder habe seinen spezifischen Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern, doch „die literarische Landschaft dünnt aus.“
Der Versuch, im Halbjahrestakt dennoch einen Überblick über die hiesige Literatur zu erreichen, zeitigt nicht selten erwähnenswerte Entdeckungen. Vorgetragen wurden im Rahmen der Veranstaltung neben den Nachdichtungen Scharfs jeweils ein Text von Barbara Bleidorn und Reinhard Wosniak. Rein zufällig behandelten beide ähnliche Themen, allerdings aus unterschiedlicher Perspektive. Bleidorn, seit 1992 wohnhaft in Schwerin, betrachtet mit den Augen einer aus dem Westen Zugezogenen, wie der Kapitalismus in den gebeutelten Osten einzieht und Opfer fordert und dabei die Schatten der Diktatur auferstehen. Wosniak lässt seinen Helden in den Westen ziehen und psychisch und physisch an der Marktwirtschaft scheitern. In beiden Texten bleibt den Figuren die neue Welt fremd und feindlich, Wosniaks Figur kommt dabei auch noch die eigene Vergangenheit abhanden. Der Mut früherer Zeiten entpuppt sich als Duckmäusertum, das damalige Leben erscheint ihm künftig wie mit Folie überzogen.
Dieser Unschärfe kann sich auch nicht Scharf entziehen. Er trug einige seiner Nachdichtungen vor, die in Zusammenarbeit mit dem Rostocker Torsten Ruchhöft entstanden. Ruchhöft hatte die Texte zumeist junger polnischer Autoren für Scharf übersetzt. Der wiederum hatte die dürren Worte mit Versmaß und Rhythmus versehen.

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