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Anne Blaudzun

Spiegelung und Widerspiegelung – Novellen gegen die Vergänglichkeit.

Anlässlich des 125. Todestages von Theodor Storm (1817-1888)

Jeder hat Storm gelesen – in Lese- und Schulbüchern, in Literaturkalendern und Zitatsammlungen ist er stets vertreten. Na, welcher Schulstempel ziert Ihre Ausgabe vom Schimmelreiter, der meisterlichen, letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Novelle?[1] Mein Exemplar ziert tatsächlich ein ganz wunderbarer Zwitter aus der Zwischenzeit: Die 1580 in Rostock gegründete „Große Stadtschule“ hieß von 1959 bis 1991 „9. POS Clara Zetkin“ – der Schulstempel in meinem Schimmelreiter kündet: „Große Stadtschule, 9. Oberschule“.[2]

Die Lektüre liegt also eine Weile zurück – und es war nicht Hauke Haien, der mich für Storm einnahm. Jenseits des Deichs wartet noch ein ganzer Schatz von Novellen, von denen Aquis submersus (1876) mir die Faszination für die Gattung und für den Dichter wieder in Erinnerung gerufen hat.

Wie so oft bei Storm wird die Binnengeschichte – die tragische Liebesgeschichte von Junker-Tochter Katharina und Maler Johannes, die an gesellschaftlichen Verhältnissen scheitert (den letzten Halbsatz hätte ich auch in einem Aufsatz auf der 9. POS „Clara Zetkin“ schreiben können) – aus einer kunstvollen Rahmenkomposition heraus entwickelt. Das dem Stande nach ungleiche Paar konnte noch vor ihrer erzwungenen Trennung in einer ersten wie auch letzten Liebesnacht ein Kind zeugen. Der uneheliche Knabe ertrinkt (aquis submersus – im Wasser versunken) während eines späteren Wiedersehens aufgrund der Unachtsamkeit seiner Eltern.

Die poetische wie virtuose, und, wenn es drauf ankommt und dem Text dient, auch altertümliche Sprache, die Komposition, die vielfältigen Motive, die Dramatik und die nicht nur potenziellen Antagonismen gereichen zu einem aufregenden Lesestoff. Das Spannende an der Novelle, die bei Storm eine epische Kunstform ist, zeigt sich im Spektrum der aufgezeigten Konflikte: von politischer Zeitkritik, die in einen historischen Kontext eingebettet ist, der Auseinandersetzung zwischen selbstbewusstem Künstler und standesbewusstem Adel sowie zwischen persönlicher Frömmigkeit und institutioneller Praxis der Kirche, Tugend- und Gender-Katalogen … – nicht umsonst ist Aquis submersus eine der meistuntersuchten Novellen Storms.[3] Die Untersuchungen beziehen sich auf die Frage der Schuld und ihrer Überwindung, das Motiv des ertrinkenden Kindes, die Kirchen-, Leichen- und Mütterbilder, die Wassersymbolik, die Wiederkehr der Toten, Erinnerung und Gedenken, die Ästhetik der Entsagung, die versunkene Kindheit, Geschlechter- und Generationskonflikte, Religion und Kunstreligion, Mächte der Vererbung und Umwelt, Natur und Landschaft, Zeit- und Gesellschaftskritik bis hin zu den Funktionen des Rahmens.[4]

Das Echo-Motiv ist nicht nur in der Lyrik, es ist auch in der Prosa zu finden. Nicht nur als Dichter, auch als Prosaist suchte er nach Wegen, dem Vergessen Widerstand entgegensetzen zu können. Es scheint dabei ein Äquivalent zum Echo geben – die Spiegelung bzw. Widerspiegelung. Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering beobachtete, wie Stroms Text danach fragt, „ob sich und wie sich das Vergangene einerseits durch eine geradezu detektivische Recherche nach der verlorenen Zeit, andererseits durch dichterische Einfühlung und Phantasie tatsächlich wieder beleben lässt und inwieweit solche Bemühungen nicht letztlich doch nur Spiegelungen der Gegenwart und des gegenwärtigen Erzählers im dunklen Spiegel einer selbst unerkennbar und fremd gewordenen Vergangenheit hinauslaufen.“[5] Er fand in Storms Nachlass in der ersten handschriftlichen Fassung der Erzählung als allerletztes Wort: „Und dann nichts mehr. Aus der Tiefe der Vergangenheit keine Spiegelung mehr herauf.“[6]

Die dann veröffentlichte Fassung endet mit dem Hinweis des Rahmenerzählers auf das Vergessen, also Versunkensein des Binnenerzählers, des Malers Johannes, den man in keinem Künstlerlexikon fände, den auch in seiner Heimat keiner mehr kennte, und dessen Lazarus-Bild zwar in einer Stadtchronik Erwähnung fände, jedoch nach Abriss der Kirche „verschleudert und verschwunden“ sei. „Aquis submerus.“[7]

Das Echo verstummt, nichts spiegelt mehr herauf? Eingangs entdeckt der Erzähler in einer alten Kirche das Bildnis des toten Knaben. An jenem Ort erschloss sich ihm „die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden aufblickte.“ Später kam ihm der Gedanke „welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.“ Die „längst vergangene Zeit“ mit ihrem geheimnisvollen Schweigen vermag dadurch, dass es die Aufmerksamkeit und Neugier, ein Erinnernwollen weckt, ein Echo, einen Widerhall zu erzeugen. Das Bildnis vermag „den düsteren Kirchenraum erfüllen“. Der Erzähler entdeckt ein Manuskript, mit dem die Neugier gestillt und der Erinnerung Raum gegeben wird. In der Mitte der Erzählung steht genau in diesem Artefakt des Vergangenen der wunderbare Satz: „Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.“[8] Das Ende der Binnenerzählung deutet auf ein Verstummen des Echos, der verbleibende Nachhall beschwört das Versinken in der Vergangenheit: „(…) keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus – aquis submersus!“[9] Das Vergangene „spiegelt herauf“ aus dem Manuskript des Johannes, aus der Schilderung des Rahmenerzählers, aus der Novelle Storms.

Im Übrigen spiegelt sich auch der Lyriker und Freund der Nachtigall in Aquis submersus herauf: Die alte Frau, die über Katharina wacht, meint, „ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe (…).“ In der Liebesnacht von Katharina und Johannes sind sie – wie auch das später knabenertränkende Wasser – zu hören: „Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um die Hecken fließt.“ Zudem schlugen „(…) gleich wie aus Träumen“ – vor den Ereignissen, die zur Wiederbegegnung mit Katharina führen – „leis und fern die Nachtigallen.“[10]

Von Storms Texten wird vor allem Der Schimmelreiter immer noch häufig im Deutschunterricht gelesen. Ich glaube, dass Aquis submersus die bessere Wahl wäre und eine spätere Storm-Lektüre (oder ein Wiederlesen) fruchtbarer ist.

Mich wundert nicht, dass der aktuelle Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft, Heinrich Detering, nicht nur ein renommierter Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker und Lyriker, sondern auch ausgewiesener Bob-Dylan-Experte ist.[11] Dylan nennen Fans und Liebhaber nur den „Meister“. „Den vorläufigen Schlusssatz zur andauernden Deutungs- und Wirkungsgeschichte der Stormschen Novellen hat ein anderer Novellist und Autor mitunter ‚mehrbändiger‘ Romane geschrieben – nämlich Thomas Mann in seinem 1930 erschienenen Essay Theodor Storm: ‚Er ist ein Meister, er bleibt.‘“[12]

 


 

 

[1] Theodor Storm: Der Schimmelreiter, Leipzig: Reclam, 198728 (Reclams Universal-Bibliothek 171).

[2] Olaf Wildt (Hrsg.): 425 Jahre Große Stadtschule Rostock. Festschrift zum Schuljubiläum 2005 (1580?2005), Rostock: Ingo Koch Verlag, 2005.

[3] Heinrich Detering: Aquis submersus. Schattenbeschwörung und Zeitkritik, in: Christoph Deupmann (Hrsg.): Theodor Storm. Novellen, Stuttgart: Reclam jun., 2008, S. 68-87, S. 69.

[4] Vgl. auch die Literaturhinweise bei Detering: Aquis …, a. a. O., S. 86-87.

[5] Detering: Aquis …, a. a. O., S. 82-83.

[6] Ebd.

[7] Theodor Storm: Aquis submersus, Leipzig: Insel-Verlag, 19819.

[8] Storm: Aquis …, a. a. O.

[9] Storm: Aquis …, a. a. O.

[10] Storm: Aquis …, a. a. O.

[11] Heinrich Detering: Kindheitsspuren. Theodor Storm und das Ende der Romantik, Heide: Boyen, 2011; Ders.: Bob Dylan, Stuttgart: Reclam jun., 20093.

[12] Einleitung, in: Christoph Deupmann (Hrsg.): Theodor Storm. Novellen, Stuttgart: Reclam jun., 2008, S. 7-15, S. 15.



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