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Störquellen
Eine Poetik des Rauschens, Essay – Teil 1

Poetikvorlesung an der Universität Rostock am 19.11.2010

> Intro: [Rosa Rauschen]

Liebe Anwesende,

zwar sehe ich Sie hier aufmerksam vor mir sitzen, aber weiter als bis an die physische Außengrenze Ihrer Persönlichkeit vermag ich nicht zu sehen, und so weiß ich nicht, was Sie im Einzelnen bewogen hat, sich zu dieser Poetikvorlesung zu bewegen, in diese Situation des wechselseitigen Ausgesetztseins: Sie setzen sich, Ihre Erwartungen und Ihre Zeit einem Thema aus, mit dem Sie wohl bisher kaum mehr als vage Mutmaßungen verbinden, ich wiederum bin Ihren Erwartungen ausgesetzt, von denen ich ebenfalls nur nebulöse Vorstellungen habe und denen ich gleichermaßen mich bemühen muss zu entsprechen und nicht zu entsprechen.

 

Diese Vorbemerkung umschleicht das, worüber ich gleich sprechen möchte, schon, wir befinden uns in dieser Situation schon in einem Raum des Rauschens, und dass sie weder Ihnen noch mir besonders ungewöhnlich vorkommt (abgesehen davon, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass mir Ihre Blickrichtung zur Tafel die vertrautere war), sagt schon viel aus über die Bedeutung dieses Phänomens, die gerade in seiner Alltäglichkeit liegt. Auch wenn Ihnen das, was Sie eben aus den Lautsprechern hörten, etwas aufdringlich erschienen sein mag, so hat es Sie doch keineswegs abgeschreckt, vielleicht kam es Ihnen sogar auf irgendeine Weise vertraut vor, vielleicht liegt das daran, dass dieses Geräusch der geographischen Lage ja innewohnt: das Meer liegt vor der Haustür.

Diesem akustischen Phänomen eben mag aber auch etwas Erschreckendes und Künstliches angehaftet haben: es fehlte der Kontext, in den man es als etwas Natürliches hätte einordnen können, man hört es selten so in Reinform, meist hört man es überhaupt nicht, was nichts anderes heißt als: meist nimmt man es nicht wahr.

Was Ihnen da entgegenschallte und was sich mit Ihrem Hereinkommen, dem Gemurmel, der ganzen sogenannten Geräuschkulisse auf verwandtschaftliche Art vermischte, trägt einen schönen, friedfertigen Namen: es war rosa Rauschen. Wahrscheinlich kennen Sie den Begriff des weißen Rauschens und wahrscheinlich insbesondere bereits in seiner übertragenen Bedeutung, als Buch- oder Filmtitel oder ganz allgemein metaphorisch verwendet für diffuse, undurchschaubare, sinnlose, um nicht zu sagen kafkaeske Zustände, denen aus welchen Gründen auch immer mit Vernunft oder anderen Mittel nicht mehr beizukommen ist, denen man gewissermaßen in einer Mischung aus Nebel und Chaos tappend ausgeliefert ist. Nicht nur lautlich liegt dem Rauschen der Rausch sehr nahe, tatsächlich haben die beiden Worte eine gemeinsame Etymologie.

 

Was aber ist eigentlich Rauschen? Man stellt sich unter dem Begriff gemeinhin etwas der Ordnung und der distinkten Wahrnehmbarkeit Entgegengesetztes vor. Das berühmte ‚Waldesrauschen‘ hat wohl auch deshalb Topos-Charakter, weil es beinahe tautologisch wirkt durch sein verbindendes Drittes: so wie der Wald seit jeher ein Ort des Unheimlichen, Gesetzlosen, Undurchdringlichen, fast eine Art „Anderwelt“ war, so scheint auch im Rauschen dieses „Andere“ sich zu manifestieren, in dem sich das Bekannte und Festgefügte auflöst.

Nüchtern und physikalisch gesehen, ist Rauschen ganz allgemein eine Störgröße mit unspezifischem Frequenzspektrum. Im akustischen Bereich könnte man es als das Breitbandgeräusch schlechthin bezeichnen, denn nicht nur hat es, wie für Geräusche (im Gegensatz zu Klängen oder Tönen) typisch, keine dominierende Frequenz, sondern es kann zumeist auch keine eigentliche Klangfarbe zugeordnet werden. Es handelt sich beim Rauschen um eine Überlagerung vieler Schwingungen oder Wellen mit unterschiedlicher Amplitude und Frequenz bzw. Wellenlänge.

Weißes Rauschen, rosa Rauschen und alle anderen offiziell oder inoffiziell nach Farben benannten Rauschphänomene sind Spezialfälle, sie kommen in der Natur oder unserer Alltagsumgebung nur selten in Reinform vor, obwohl z. B. eine der Definitionen des inoffiziell so genannten grünen Rauschens besagt, es sei das allgemeine Hintergrundgeräusch unserer Welt. Weißes Rauschen, obwohl begrifflich am bekanntesten, ist zugleich die künstlichste dieser Rauscherscheinungen, der „Idealfall“, der wahrgenommene Frequenzbereich umfasst den gesamten Hörbereich und alle Frequenzen sind darin mit gleicher Leistung vertreten, ihre Amplitude ist konstant. Es klingt so: [Weißes Rauschen]

Ich nehme an, dass Sie im Gegensatz dazu das rosa Rauschen von vorhin als angenehmer empfunden haben, hier noch mal kurz zum Vergleich: [Rosa Rauschen] Es wirkt ausgewogener als das weiße Rauschen, das eine Tendenz zu Lautheit, Höhe und Schärfe zu haben scheint, obwohl es doch vom Frequenspektrum her gleich verteilt ist. Das allerdings hat mit der menschlichen Hörempfindlichkeit zu tun, die für Bässe niedriger ist als für hohe Frequenzen, sie nimmt logarithmisch zur Höhe der Frequenzen zu, und genau das ist der Grund, warum wir das rosa Rauschen als das ausgeglichene empfinden, in dem Höhen und Tiefen ungefähr gleichmäßig verteilt erscheinen. Beim rosa Rauschen sind die Frequenzen, je höher sie sind, mit desto weniger Leistung vertreten, quasi abgeschnitten. Noch stärker ist dieser Effekt beim braunen Rauschen, es klingt noch eine Spur wärmer: [Braunes Rauschen]

 

Das rosa Rauschen begegnet uns sowohl in natürlichen wie in technischen Zusammenhängen. Wie vorhin schon angedeutet, ist es uns am besten bekannt als Meeresrauschen. Es kann aber künstlich erzeugt werden und wird als solches häufig in der Tontechnik eingesetzt, dort dient es, eben weil es subjektiv einer Gleichverteiltung aller Töne entspricht, als Referenzsignal, um eine möglichst naturgetreue Wiedergabe zu erzielen. Vor Konzerten wird in den Räumlichkeiten, in denen sie stattfinden, oft eingerauscht, d. h. man sendet rosa Rauschen in den Raum, nimmt es mit einem Mikro auf und lässt es hinsichtlich der Frequenzverteilung analysieren, woraufhin der Equalizer so eingestellt wird, dass sich die Frequenzen sozusagen im rosa Bereich befinden, also für das menschliche Ohr gleichmäßig vorhanden erklingen. Für mich entfaltete dieser Begriff des Einrauschens sofort ein hohes poetisches Potential. Und das rosa Rauschen vom Anfang war somit auch im übertragenen Sinne als ein Einrauschen gedacht. Inzwischen dürfte es in Ihren Köpfen schon ein bisschen rauschen, und das ist eine gute Voraussetzung für das noch Folgende.

Vielleicht noch ein Wort zur Farbanalogie: so wie „Rauschen“ ursprünglich ein Wort ist, das sich auf visuelle Ereignisse bezog (im Grimmschen Wörterbuch bezeichnete das Verb ‚rauschen‘ zunächst eine „ungestüme wilde Bewegung lebender Wesen“, ein „Stürmen“ und „Sausen“, also eine visuelle Unschärfe), so stammen auch die Farbattribute aus dem Bereich der Optik: In weißem Licht ist das gesamte Farbspektrum gleich verteilt vertreten. Bei einem höheren Anteil von rötlichem Licht entsteht etwas, das man rosa nennen könnte, zudem wird mit der Farbe rot gewöhnlich auch Wärme assoziiert, rosa Rauschen hat einen wärmeren „Klang“. Bei braunem Rauschen ist allerdings dazuzusagen, dass diese Bezeichnung sich nicht auf die Farbe bezieht, sondern nur eine etwas irreführende Übersetzung von „Brownian noise“ ist, was mit der Brownschen Molekularbewegung zu tun hat. Braunes Rauschen wird gelegentlich, um sich stärker an die Farben anzulehnen, auch als rotes Rauschen bezeichnet.

 

Rauschen als physikalisches Phänomen wurde erstmalig 1918 (Walter Schottky) beschrieben: als messbare unregelmäßige Stromschwankungen, die man durch Verstärkung hörbar machen kann und die dann eben ungefähr so klingen wie das, was wir beim Wort ‚Rauschen‘ im inneren Ohr haben. Ursprünglich handelt es sich also um einen Begriff aus der Nachrichtentechnik, in der die Störungen, die bei der Übermittlung der Nachricht im Übertragungssystem (beim Sender, Empfänger und auf dem Weg zwischen ihnen) auftreten, als Rauschen bezeichnet werden. Die Qualität der Signale wird über das sogenannte Signal-Rausch-Verhältnis angegeben, es muss ein gewisser Signal-Rausch-Abstand vorhanden sein (für ein menschliches Gehör sind mindestens 6 dB Unterschied zwischen Signal und Rauschen erforderlich), damit die vom jeweiligen Signal transportierte Information ankommt und nicht im Rauschen untergeht.

Diese Metapher ruft wieder das Bild des Meeres auf, das mit dem Rauschen eine vorherrschende Eigenschaft gemeinsam hat: die Formlosigkeit. Sylvia Plath sagt in einem ihrer Gedichte über eine phantastische Wolkenfigur: „she’s in love with the beautiful formlessness of the sea“ – und der Reiz dieser Vorlesung besteht für mich hauptsächlich darin, in Ihnen vielleicht die Idee aufkommen zu lassen, man könnte das im Zitat anklingende semantische Umfeld auch einer mit dem Meer so unlöslich verknüpften Erscheinung, dem Rauschen, zuordnen: vielleicht erscheint es Ihnen irgendwann nicht mehr abwegig, das Rauschen, eine Störung also, schön zu finden; vielleicht verlieben Sie sich.

 

Zumindest der Begriff ‚Rauschen‘ machte im Laufe der Zeit sozusagen Karriere. Er wurde, mit dem Fokus auf den Störfaktor, bald auf andere Bereiche übertragen, die nicht akustischer und teilweise nicht mal technischer Natur sind.

Rauschen lässt sich analog zum akustischen auch im optischen Bereich vorfinden, z. B. als Unschärfe auf Fotos. Besonders in der Frühzeit der Fotografie stellte das Abbilden, das „Festhalten“ bewegter Motive wegen der langen Belichtungszeiten eine scheinbar unlösbare Herausforderung dar und resultierte in Unschärfe, war damit aber der Wahrnehmung mit unseren Augen nicht ganz unverwandt: hier wird der Bogen zum Grimmschen Wörterbuch geschlagen, die Objekte sind gewissermaßen vorbeigerauscht. Spätestens mit Erfindung der Digitalfotografie spricht man auch von ‚Bildrauschen‘, gemeint sind störende, nicht zum eigentlichen Bild gehörende oder von diesem in Farbe oder Helligkeit abweichende Pixel sowie visuelle Artefakte, die durch Rundungsfehler, Rasterung, Kompression etc. entstehen.

Aufgrund seiner Bezeichnung für ein höchst diffuses und vielgestaltiges Phänomen, aufgrund seiner semantischen Weite springt der Begriff des Rauschens fast von allein auch auf andere Felder über, nicht zuletzt die der Kunst. Auch in der Kunst geht es im weitesten Sinne um Information, aber auf eine qualitativ anders gelagerte Weise, und das mag der Grund dafür sein, warum die Kunst dem Rauschen keineswegs so feindlich gegenüber steht wie die Technik, der es vornehmlich um die Ausmerzung dieses ewigen „Anderen“ geht, wohingegen Kunst nicht erst seit der Moderne dieses „Andere“ als ihr vornehmliches Objekt des Interesses betrachtet, man könnte sagen, Kunst ist „das Andere“ an sich. Es rauscht in der Kunst, in der Literatur als die ihrer Ausprägungsformen, um die es hier vornehmlich gehen soll, und es rauscht meistens nicht aus Versehen oder aus Unvermeidlichkeit, sondern mit Absicht. Und diese Absicht möchte ich Ihnen als eine notwendige, unabdingbare für das Wesen der Kunst, der Literatur zeigen.

 

Was ich nun, insbesondere im Zusammenhang mit Literatur, mit ‚Rauschen‘ meine, ist etwas, das sich wohl kaum adäquat in Worte fassen lässt, ohne dass es gleich wieder anfängt zu rauschen, und das gibt schon einen Hinweis auf eine vorherrschende Eigenschaft des Rauschens: seine Omnipräsenz. Rauschen gehört dabei offenbar zu den Erscheinungen der uns umgebenden Welt und eben auch der Welt, die wir selbst bilden, die sich nicht direkt zeigen und zeigen lassen, die sich nicht in ihre Bestandteile zerlegen und aus ihnen heraus erklären lassen. Rauschen ist komplex, Rauschen ist chaotisch (durchaus im Sinne der Chaostheorie), und genau deshalb ist es so alltäglich: weil unsere Welt ebenfalls nach komplexen, chaotischen Mustern funktioniert. Vielleicht könnte man sagen, Rauschen ist die Summe aller Weltvorgänge. Auch das sogenannte kosmische Hintergrundrauschen kann an dieser Stelle Erwähnung finden: es wird von Astronomen auch aus Richtungen empfangen, an denen es keine bekannten kosmischen Objekte gibt, vielmehr kommt es aus allen Richtungen, ist überall. Man geht davon aus, dass es sich um ein Überbleibsel des Urknalls handelt, und hier zeigt sich schon, dass Rauschen eben nicht nur als Störgröße wahrgenommen werden kann, sondern durchaus einen Nutzen erfüllt, hier nämlich keinen geringeren, als Aufschlüsse über das Universum zu ermöglichen.

Mit der Nutzbarkeit ist es aber so eine Sache. Sie steht auf derselben Agenda wie Definierbarkeit, Erzeugbarkeit, Kontrollierbarkeit und dient dem Ziel, das uns als Menschen eingeschrieben zu sein scheint: der, zumindest verstandesmäßigen, Unterwerfung der Welt. Natürlich ist das Rauschen an sich nichts Unerklärliches, es lässt sich definieren und erzeugen, man findet z. B. bei Wikipedia zum rosa Rauschen folgende hilfreiche Anleitung:

 

1/f-Rauschen kann hörbar gemacht werden, indem eine diskrete eindimensionale komplexe Funktion mit einer hyperbolisch abfallenden Amplitude und zufälliger Phase invers fourier-transformiert wird. Der Betrag der komplexwertigen Fourier-Transformierten kann sowohl monophon als auch stereophon wiedergegeben werden.

 

In bestimmten Ausmaßen kann man das Rauschen sogar kontrollieren und also nutzbar machen, trotzdem bleibt gerade bei einem Phänomen wie dem Rauschen das unbestimmte Gefühl eines nicht bezähmbaren Restes zurück, und das nicht bloß, weil obige Beschreibung für den mathematischen Laien unverständlich bleibt oder weil bei genauerer Betrachtung auffällt, dass es sich bei dem, was erzeugbar ist, nur approximativ um rosa Rauschen handelt, nämlich um ein bandbegrenztes, weil die Frequenzen an sich unbegrenzt sind, was zu unendlicher und also in der Praxis unmöglicher Leistung führen müsste.

Ich glaube, dass diese Nichtfasslichkeit des Rauschens in dem Umstand liegt, dass es eben auch als Störgröße in unseren Bewusstseinsprozessen wirkt, und dass sich damit also zwei komplexe und emergente, also nicht aus ihren Einzelbestandteilen heraus erklärbare, Phänomene ins Gehege kommen. Denn auch das Rauschen ist mehr als die Summe seiner Teile, sprich Ursachen. Das Rauschen, in dem Sinne, um den es mir in dieser Betrachtung geht, ließe sich vielleicht beschreiben als das, was es uns nicht gelingt, in die Linearität, Kausalität, Gesetzmäßigkeit und Schlüssigkeit unseres traditionellen Weltbildes zu integrieren.

Dieses Weltbild aber gilt es gründlich zu überdenken, und das ist genau das, was in der Wissenschaft, wenn auch bisher alles andere als umfassend, spätestens seit der Relativitätstheorie passiert. Zu nennen wären hier auch die Kybernetik und die Chaosforschung, sowie exemplarisch ein Buch, das die Forderung nach komplexeren, die vermeintlichen Ausnahmen und Abweichungen integrierenden Vorstellungen von der Welt, und zwar Vorstellungen, im Plural, vertritt. Die Autorin ist Sandra Mitchell, das Buch heißt: Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Sie zeigt darin auch, wie sich die Erkenntnistheorie durch ihr Festhalten an universalen Erklärungsgesetzmäßigkeiten quasi selbst aufs Abstellgleis manövriert.

Die Literatur läuft dahingehend keine so große Gefahr, die Beispiele ihrer Selbsterneuerung sind zahlreich. Aber auch sie markieren letztlich nur einsame Höhen, solange in weiten Teilen der Schriftsteller- und der Leserschaft immer noch die Auffassung zu herrschen scheint, bei der Erschaffung einer Romanwelt müsse es sich um eine in sich stimmige, am Ende restlos „aufgehende“ und somit gewissermaßen ideale handeln, inklusive vollständiger Interpretierbarkeit. Ebenso bei Gedichten, deren aufgewendete „sprachliche Mittel“, mit denen man uns seit dem Deutschunterricht traktiert, gefälligst allesamt einem Zweck, nämlich dem „Thema“ des Gedichtes zu dienen haben, auf das als Quintessenz am besten schon der Titel den entscheidenden Hinweis gibt.

Die sogenannte realistische Literatur ist oft alles andere als das. Neulich hörte ich von einem Literaturprofessor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Literatur auf den Realitätsgehalt ihrer Details hin zu prüfen und nach diesem Maßstab in gute und schlechte zu sortieren. Z.B. fuhr er mit der Kutsche eine von Fontane beschriebene Strecke in Berlin ab und prüfte dabei, ob ein Gespräch, das Fontane seine Figuren während dieser Fahrt führen lässt, bezüglich seiner Dauer mit der Fahrtzeit übereinstimmt. Fontane bestand die Prüfung. Dies mutet lächerlich an und ist ein Extrembeispiel, ich glaube aber, wir haben uns beim Lesen selbst alle schon bei Kommentaren ertappt wie „das kann doch gar nicht sein“, „das ist doch total unrealistisch“. Das mag jeweils zutreffen und ist ein Argument gegen eine Erzählung, die Realismus suggeriert. Der Punkt ist aber, dass auch beim „realitätsgetreuen“ Fontane, bei bis ins letzte Detail „stimmigen“ Romanwelten, die echte Realität, wie sie uns täglich umgibt, nicht selten außen vor bleibt und wir es bei dem, was da auf dem Papier steht, lediglich mit gereinigten, „klar herausgearbeiteten“, sprich: rauschgefilterten bis komplett entrauschten Modellanordnungen von Realität zu tun haben. Das fängt bei der Sprache an, z. B. erschließt sich mir nicht, warum es so sehr Mode geworden ist, eine „einfache“ Sprache zu loben, eine Sprache, die quasi hinter dem Erzählten zurücktritt und nur noch als bloßer Informationsträger fungiert. Dazu später mehr.

Nun könnte man einwenden, es sei schlichtweg nicht möglich, die Wirklichkeit, so wie sie uns begegnet, in Literatur zu transformieren. Zwar wurden und werden immer wieder ambitionierte und auch in gewissem Umfang funktionierende Versuche unternommen, erinnert sei hier beispielsweise an den Joyce’schen stream of consciousness oder Arno Schmidts Transkriptionen von Bewusstseinsvorgängen und Alltagsdialogsituationen, im Grunde aber ist dieser Einwand richtig. Die Methode, sich quasi mit einem literarischen Aufnahmegerät in die Umgebung und die Köpfe der Protagonisten zu begeben, um jede kleinste Regung inklusive aller rauschenden Unklarheiten und des Hintergrundrauschens einzufangen und abzubilden, muss in eine Sackgasse der Frustration führen.

Es kann aber deshalb noch lange nicht die Funktion der Literatur sein, sich von der Komplexität, Pluralität und Diversität abzuwenden und in einer Literaturwelt einzurichten. Literatur, will sie wahrhaftig sein, muss all dem, also dem Rauschen, Rechnung tragen, und damit ist eben keine abschildernde Literatur gemeint, sondern nur, dass man die Dinge nicht einfacher machen sollte, als sie sind (Einstein), und da eine „realistische“, 1:1-Abbildung ohnehin nicht möglich ist, Literatur immer vereinfachen im Sinne von auswählen muss, so muss sie die Komplexität, das Rauschen, auf einer anderen, ihr eigenen Seite und mit ihren Mitteln, nämlich künstlerischen, wieder herausholen. Ich werde versuchen, darauf später noch genauer einzugehen.

 

Zunächst aber möchte ich an dieser Stelle ein Zitat von Robert Musil aus seinem „Mann ohne Eigenschaften“ anführen, um das Rauschen noch weiter in seinem Charakter zu beleuchten. Dort heißt es, dass „Angst manchmal bloß das Rauschen um ein noch nie gesehenes und noch nicht gesichtetes Erlebnis ist.“

Es klingt in diesem Vergleich der Angst mit dem Rauschen noch mal das Unbekannte, Unfassbare, Diffuse, Bodenlose, Schwindelerregende an, etwas, das sich noch nicht einordnen lässt, in dem Entropie herrscht. Auch die schon erwähnte etymologische Verwandtschaft zwischen ‚Rauschen‘ und ‚Rausch‘ scheint hier auf, das Unbekannte ist oft zugleich das Berauschende, gleichzeitig Erregende und leicht Betäubende – interessanterweise hat weißes Rauschen auf die Ohren tatsächlich einen leicht betäubenden Effekt, so dass es als Methode zur Lärmbekämpfung eingesetzt wird, Lärm wird als weniger laut und störend empfunden, wenn man ihm weißes Rauschen überlagert (hier fällt auf, dass das Deutsche eine Besonderheit gegenüber Sprachen wie z. B. dem Englischen oder Französischen aufweist, in denen es nur einen Begriff für zwei doch qualitativ recht verschiedene Erscheinungen gibt: sowohl das englische ‚noise‘ als auch das französische ‚bruit‘ bezeichnen gleichermaßen den ‚Lärm‘ und das ‚Rauschen‘. Es dürfte vor solch einem sprachlichen Hintergrund noch schwerer fallen, die negative Konnotation des ‚Rauschens‘ abzustreifen.)

Worauf es mir bei dem Musil’schen Zitat ankommt, ist Folgendes: das Rauschen wird sowohl als Eigenschaft wie auch als Hintergrund dem Neuen, Unkategorisierten zugeordnet, womit nichts anderes gesagt wird, als dass es für unser Empfinden noch nicht ausgeformt ist, sondern an den Rändern flimmert, und dass es sich gleichsam aus einem allgemeinen Rauschen herausschält, das als „undifferenzierter und gestaltloser Hintergrund“, wie es in einem Aufsatz von Sabine Sanio heißt („Rauschen – Klangtotal und Repertoire. Zur Selbstreflexivität der ästhetischen Erfahrung“, in: Rauschen. Seine Phänomenologie zwischen Sinn und Störung), immer da ist und von dem ein wenig am Neuen hängenbleibt, ihm innewohnt. Sanio führt dazu aber noch weiter aus, dass dieser Hintergrund unabdingbar sei, ohne den sich erstens technisch gesehen die Übertragung akustischer und optischer Informationen nicht realisieren ließe, und ohne den zweitens die Wahrnehmung geradezu aufnahmeunfähig bliebe, weil die Sinne offenbar einen unspezifischen, vertrauten Hintergrund benötigten, auf dem sich ein Ereignis, das zur Information wird, abbilden und als solche wahrgenommen werden könne. Der Neuigkeits- oder Informationswert eines Ereignisses ergebe sich nur in seinem Verhältnis zu dem, was wir für bekannt und nicht mehr der Aufmerksamkeit wert hielten.

Dennoch scheint das Rauschen, sobald wir anfangen, die Dinge genauer und aus neuen Blickwinkeln anzusehen, unserer Aufmerksamkeit nicht zu entgehen, wie sonst könnte es sein, dass uns die vertrautesten Gegenstände und Personen in kurzen, unvorhersehbaren, aber wiederkehrenden Momenten mitunter wie etwas sehr Fremdes vorkommen, eine Erfahrung, die uns gleichermaßen ängstigen und euphorisch stimmen kann. Ich nehme an, ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, dass solche plötzlichen Wahrnehmungsänderungen elementarer Bestandteil von Rauschzuständen aller Art sind. Die Warenwelt des Kaufhauses fängt aufs Herrlichste an zu flimmern, und der Umstand, dass alle diese Dinge produziert wurden, um verkauft zu werden, scheint vernachlässigbar bis zum Vergessen gegenüber ihrer unvermittelt hervortretenden kontextfreien Schönheit. An diesem Punkt offenbaren der Rausch und das Rauschen ihr Zwillingsdasein. Nebenbei bemerkt spreche ich hier nicht von der berühmten „Bewusstseinserweiterung“ im Sinne eines Mehr-Wahrnehmens, es handelt sich vielmehr um ein Anders-Wahrnehmen, denn gleichzeitig ist unsere Wahrnehmung wie betäubt für die Signale, die wir normalerweise empfangen, vielleicht trägt also das ‚Betäubungsmittelgesetz‘ seinen Namen nicht ganz zu unrecht. Warum allerdings die Wirklichkeit mit ihrer an weißes Rauschen grenzenden Reizüberflutung nicht darunter fällt, bleibt ein Rätsel.

Man könnte in dieser Nähe zum Rausch wieder den Vergleich mit dem rauschenden, formlosen Meer anstellen, das uns in seiner Gewalt des An-sich-Seins zutiefst unheimlich ist, angsteinflößend und doch immer ein Sehnsuchtsort bleibt, der auf die Herkunft allen Lebens verweist.

Wenn wir eine Muschel an unser Ohr halten, dann wurde uns früher eingeredet, man höre in ihr das Meeresrauschen. Wir wissen dann irgendwann zwar, dass es das Rauschen unseres eigenen Blutes ist, das wir hören, aber das Bild ist zu poetisch, um ganz davon loszukommen, und so ließe sich vielleicht sagen, dass das Blut letztlich nichts anderes ist als ein Überbleibsel dieses Meeres, als das Meer in uns. Das Blut ist konnotativ ähnlich aufgeladen wie das Meer, es ist uns ebenso unheimlich, es hat unmittelbar mit dem Herzen zu tun, das vor Angst und Freude schneller klopft, dass wir mitunter das Gefühl haben, gleich wegzusacken, selber jegliche Form aufzugeben.

 

Die Angst vor dem Diffusen, Ungeordneten, dem Rauschen, ist das Rauschen selbst. Eine Art Angst vor der Angst. Sich dem Rauschen deshalb zu verweigern, hieße aber, sich dem Leben zu verweigern, denn das Rauschen ist immer da, es durchsetzt gleichsam alle Vorgänge der Welt, so etwas wie Stille als Gegensatz des Rauschens lässt sich im Leben nicht finden. Passend zum Muschelrauschen gibt es eine Anekdote über John Cage, der sich Anfang der 50er Jahre in die sogenannte „anechoic chamber“ der Harvard University begab, um in diesem vermeintlich schalltoten Raum die Erfahrung absoluter Stille zu machen. Zu seinem Erstaunen nahm er dennoch zwei ihm unbekannte Geräusche wahr und befragte den zuständigen Techniker, der ihm erklärte, dass das tiefe Rauschen von seinem Blutkreislauf herrühre, das hohe Sirren hingegen von seinem Nervensystem.

Dass Rauschen nicht nur ein nicht abstellbarer Umstand, sondern konstitutiv ist für das, was wir unter Leben im Allgemeinen und dem menschlichen Dasein im Besonderen verstehen, drückt sich auch in einem Satz des bekannten Kybernetikers Heinz Zemanek aus, der in einem seiner Vorträge sagte: „Leben heißt, fortgesetzt gestört zu werden.“ Darin formuliert sich schon die ganze Ambivalenz einer Störung und somit auch des Rauschens in seiner Störfunktion: einerseits ist es uns nicht vergönnt, in einem Zustand gleichbleibender Ruhe und Anstrengungslosigkeit zu verbleiben, weil immer irgend etwas eintritt, das dieses Gleichgewicht stört und uns zwingt, Anpassungsbewegungen im weitesten Sinne vorzunehmen, die wir meistens aber kaum als solche wahrnehmen, eben weil sie zum Prinzip des Lebens per se dazugehören, quasi automatisch passieren und in dem Fall nicht durch äußere Steuerung, sondern Selbstregulation (in Rückkopplunsgprozessen) erfolgen, die Kybernetik spricht hier von Homöostase.

Andererseits, und das steckt in dem, was Leben bedeutet, schon drin, würde ohne diese fortwährenden Störungen und die darauf reagierende Regulation totaler Stillstand eintreten, was nichts anderes als den Tod bedeutet. Mit dem Rauschen verhält es sich, auch und gerade auf einer symbolischen oder metaphorischen Ebene, analog.

D. h. also, wie oben schon angedeutet, wenn Kunst, wenn Literatur in irgendeiner Beziehung zum Leben stehen will, und wozu sollte sie sonst in Beziehung stehen wollen, da sie ja von Lebenden für Lebende geschaffen wird, muss sie sich mit dem Rauschen auseinandersetzen, und mehr noch: sie muss selbst rauschen und somit zur Störung werden.

Und zwar nicht als ein affirmativer, besonders gut ins menschliche „Programm“, um noch mal mit einem Begriff der Kybernetik zu sprechen, passender Faktor, sondern, wie ja auch das Rauschen selbst, sobald wir es, und sei es nur als das alltägliche Unverständnis, wahrnehmen, als aufstörendes, zu Ablaufänderungen im „Programm“ führendes Ereignis. Nämlich im Alltagsprogramm, in welches das ubiquitäre Alltagsrauschen oft schon bis zur Nichtmehrwahrnehmbarkeit integriert ist, in dem sich bereits eine Resistenz gegen das Rauschen entwickelt hat, ohne dass dadurch ein grundlegendes Verständnis für unsere Umwelt gewachsen wäre, die Resistenz scheint hauptsächlich in Ignoranz und Indolenz zu bestehen. Als solch ein (auf)störender Faktor aber ist die Literatur zutiefst menschlich, da der Mensch zwar (kybernetisch) auch nach Programm funktioniert, aber nicht nur, und dieses Abweichende, Darüberhinausgehende ist es, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht.

Und eben diesen Menschen verlangt es nach einem Verstehen seines Lebens, nach Erklärungen, nach Gleichungen, die aufgehen, er muss aber immer wieder feststellen, dass dies nicht bis ins Letzte möglich ist, stets ein konfuser Rest bleibt, und bemerkenswert ist nur, dass er dies immer wieder mit der gleichen Verblüffung und dem gleichen Unwillen feststellt, so als wäre uns der Glaube an eine Wohlgeordnetheit und grundsätzliche Erkennbarkeit der Welt zutiefst eingepflanzt – was wir darüber vergessen ist aber, wie langweilig eine derartige Überschaubarkeit wäre. In „erschöpfenden“ Betrachtungen und Erklärungen zu einem Thema liegt nicht selten eine resignierende Erschöpfung: über das insgeheime Gefühl, entweder etwas sehr Triviales kundgetan zu haben – oder etwas, das in die Kategorie der Spitzen von Eisbergen gehört. In dieser Erschöpfung im doppelten Sinne liegt eine bedrückende Zukunftslosigkeit.

Literatur, die das Rauschen ernstnimmt, aber befasst sich unmittelbar mit diesem Dilemma des Verstehenwollens und Nichtverstehenkönnens, weil sie auf zwei grundlegenden Ebenen wirkt: indem sie das komplexe, verrauschte Leben externalisiert, exemplifiziert, symbolisiert, macht sie es von außen anguckbar, bietet Identifikationsmöglichkeiten und trägt somit zum (Selbst)verständnis des Lesers bei.

Und indem sie der Komplexität Rechnung trägt und nicht versucht, alles vereinfachend (psychologisch, soziologisch, naturwissenschaftlich oder, etwas aus der Mode, theologisch) zu erklären, die Widersprüche aufzulösen, bewahrt sie vor einem vorschnellen, sich selbst in die Tasche lügenden, „umfassenden“ Verständnis und bietet dennoch einen, nicht zuletzt höchst vielfältigen Halt, im Idealfall das Gegenteil von Langeweile, und fängt den Menschen auf, indem sie ihn in seinem Nichtverständnis rechtfertigt.

Wahrhaftige Literatur darf also nie eine Lehrposition einnehmen in dem Sinne, dass sie erzieherhaft weiszumachen versucht, es gebe für alles eine Lösung, wenn man sich nur genug anstrenge – wir sind alle lange genug zur Schule gegangen, wir sollten dabei zumindest das gelernt haben: dass diese Aussicht eine falsche ist. Wer dafür noch eine zusätzliche Bestätigung braucht, dem empfehle ich die Lektüre der Essays von Joan Didion, sie sei hier stellvertretend genannt als eine Autorin, die z. B. in ihrem Buch Das weiße Album die Widersprüche, die Paranoia, die Auflösungserscheinungen einer Zeit und einer Umgebung, in ihrem Fall die 60er Jahre in Kalifornien, fast körperlich erfahrbar macht. Der Titel des Buches lässt nicht umsonst einerseits an das weiße Rauschen denken, andererseits an das weiße Album der Beatles und damit auch an den Song Helter Skelter, man muss hier nicht mal die Parallele zu Charles Manson ziehen (dessen Morde Didion thematisiert, der furchtbarerweise als Inspiration für diese eben jenen Song genannt hat), um es gewaltig rauschen zu hören.

Aber nur wenn dies, die Existenz von unvorhersehbaren Verwerfungen, losen Enden, chaotischen Verhältnissen, die Existenz des Rauschens also, anerkannt und sich mit ihm auseinandergesetzt wird, statt es „zu leugnen, zu überwinden oder zu eliminieren“ (Susanne Scharnowski, „Die Ästhetik des Erhabenen und des Rauschens“, in: Rauschen. Seine Phänomenologie zwischen Sinn und Störung), sind die Bedingungen für die Entstehung von Kunst gegeben und damit einer „Harmonie höherer Ordnung“ (ebd.), nach der es uns hinter allen Fragen letztlich am meisten verlangt.


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