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Kurze Geschichte der Literaturzeitschrift RISSE

Die Gründung der Risse. Zeitschrift für Literatur in Mecklenburg und Vorpommern fand im Sommer 1997 statt. Daran beteiligt waren die damalige Leiterin des Literaturhauses Kuhtor, Anette Handke, der Schriftsteller Wolfgang Mundt, der Verlagslektor Thomas Gallien, der Literaturwissenschaftler Dr. Wolfgang Gabler, die Germanistik-Promovendin Anne Kellner sowie der Student Matthias Schümann.

Vorgeschichte

Die Gründung der späteren Literaturzeitschrift hatte eine Vorgeschichte, und es gab einen unmittelbar dringenden Anlass: Der Architekt Martin Ebert hatte seit 1991 unter dem Titel „RISSe“ eine unregelmäßig erscheinende „literarische Reihe“ herausgegeben, deren letztes, das 17. Heft, im Dezember 1997 erscheinen sollte. Grund hierfür war ein attraktives Arbeitsangebot als Architekt in Norwegen. Gleichzeitig wollte Ebert seine „RISSe“ irgendwie erhalten und wandte sich zu dem Zweck an das Literaturhaus Kuhtor. So kam das genannte Gremium zusammen, das bald auch die erste Redaktion bildete, die durch den jungen Layouter Dietmar Arnhold ergänzt wurde.

Um diese Vorgeschichte der Zeitschrift zu bewahren, gab sie sich den Namen Risse. Dieser Zeitschriftentitel wurde oft kritisiert, z. B. als „typisch ostdeutsch destruktiv“. Doch der Name hatte zumindest ganz andere Wurzeln; sowohl expressionistische als auch architektonische: Heft 1 (April 1991) der von Martin Eberts herausgegebenen Reihe zitierte auf der 2. Seite das Gedicht Vorfrühling des expressionistischen Lyrikers August Stramm (1874-1915). Dort heißt es: „Auf kreischt die Luft / Im Kreisen, weht und heult und waelzt sich / Und Risse schlitzen jaehlings sich / und narben / Am grauen Leib“.

Dass der Herausgeber als Architekt häufig mit Grund- oder Auf-Rissen – also dem Gegenteil von Destruktion – zu tun hat, sollte der Titel widerspiegeln. 

Nachdem ein Träger-Verein gegründet worden war und das Kultusministerium die Kompetenz und das Konzept der Redaktion bestätigt hatte – die notwendigen Prämissen für das Ministerium, eine halbjährlich erscheinende Zeitschrift zur Förderung von Gegenwartsliteratur in MV finanziell im Wesentlichen zu tragen – begann die intensive Arbeit an Kontakten zu den damals weitgehend unbekannten SchriftstellerInnen in Mecklenburg und Vorpommern.

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Erstes Heft und erste Krise

Die Geschichte der Risse hatte mit der Präsentation des 1. Heftes am 31.3.1998  in der Kunsthalle Rostock mit ca. 150 Gästen und Reden von Kultusministerin Regine Marquardt und Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock Arno Pöker einen starken Anfang.

Beim 2. Heft, ein knappes halbes Jahr später, sah das bereits ganz anders aus. Da schickte uns dieselbe Kultusministerin den Staatsanwalt auf den Hals. „Verbreitung von Kinder-Pornografie“ war der Vorwurf. Auch die Lesung von Norbert Bleisch, dem Autor jenes bis heute nicht veröffentlichten Romans, von dem im Heft 2 der Risse ein Auszug erschienen war, sollte verboten werden. Doch Heft 2 erschien, und die Lesung fand trotzdem in der anderen buchhandlung statt, weil der Buchhändler Manfred Keiper Mut hatte und weil weder Bleischs Text noch die Redaktion etwas mit dem genannten Straftatbestand zu tun hatten.

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Fortgesetzte Schwierigkeiten

Der nächste Schlag – ganz anderer Art – ereilte die Redaktion bei der Arbeit am dritten Jahrgang der Risse. Der Layouter und Redakteur der Zeitschrift, Dietmar Arnhold (1970-2000), starb im Alter von nur 30 Jahren.

Es war ein großes Glück für den hierdurch erst möglichen Fortgang der Risse-Geschichte, dass die Redaktion bald den Grafikdesigner Olaf Heyde (devisor) für die Zusammenarbeit gewinnen konnte.

Der durch allerlei Risse und Gräben markierte Weg der Risse fand dann erneut fast ein Ende mit dem ominösen Heft 13, im ominösen 7. Jahrgang – ausgerechnet mit jenem „Heft des Unglücks“, das Texte von Strafgefangenen der JVA Bützow enthielt. Die Redaktion hatte mit einzelnen Gefangenen an den später veröffentlichten Gedichten gearbeitet. Leider war die kreative Kraft der Strafgefangenen etwas gedämpft, weil jener Schreibwettbewerb, bei dem auch Texte für die Literaturzeitschrift Risse entstehen sollten, den Titel trug „Wer schreibt, der bleibt“.

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RISSE im Knast

Wie dem auch sei – die Premiere von Heft 13 sollte in der JVA Bützow stattfinden; dort arbeitete eine Risse-Autorin als Ärztin. Doch die Einladung an die Abteilung Kultur des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur hatte die Nachricht zur Folge, die Landesförderung sei in diesem Jahr „auf Null Euro gekürzt“ worden. Letzten Endes sorgte der damalige Justizminister Erwin Sellering dafür – der Minister hatte sein Kommen zur Risse-Premiere in der JVA bereits zugesagt –, dass man bei Kultus wenigstens Geld für die Druckkosten von Heft 13 fand, nicht aber für ein Herbstheft. So erklärt sich, dass zum 10-jährigen Jubiläum und bei 2-jährlichem Erscheinen nicht das 20., sondern das 19. Heft das Jubiläumsheft sein muss. Heft 13 war bisher übrigens das einzige Heft, dessen AutorInnen auf ihr (ohnehin nur symbolisches) Honorar verzichten mussten.

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Das 10-jährige Jubiläum

Im Herbst 2007 war aber das 10-jährige Jubiläum tatsächlich Realität – für eine Landes-Literaturzeitschrift ein durchaus honoriges Alter, bedenkt man die Gefährdungen. Dass dieses Jubiläum möglich wurde, verdankt sich vielen Menschen: An erster Stelle – trotz der Querelen – den Menschen im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes, den Menschen vom Senat und vom Kulturamt der Hansestadt Rostock, den Menschen in den Medien, die die Redaktion unterstützten (die Ostsee-Zeitung, inzwischen auch NDR1. Radio MV), sowie gelegentlichen Sponsoren und Spendern. 

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Die neuen RISSE

Im Laufe der 16 Jahre, seit denen es die ZEITSCHRIFT FÜR LITERATUR IN MECKLENBURG UND VORPOMMERN gibt, war die Redaktion in einem ständigen personellen Wandel begriffen. Neue Leute kamen und gingen, veränderte Arbeitsverhältnisse verlangten von älteren RedakteurInnen einen Ausstieg aus der Redaktion, oder die zeitraubende, ehrenamtliche Arbeit forderte ihren Tribut.
Aber auch unser Lesepublikum veränderte sich in dieser Zeit. So wurde die Redaktion wohl zur rechten Zeit durch Kultusminister Mathias Brodkorb aufgescheucht – Anlass für ihn waren der zu kleine Abonnentenkreis, das Erscheinungsbild der Risse und deren inhaltliche Betulichkeit. Mit einem Wort: Brodkorb wollte eine „sexy Literaturzeitschrift“ – und das in Mecklenburg-Vorpommern! Immerhin war diese Reizung für die Redaktion groß genug, das gesamte Konzept der Risse zu überdenken. Das Ergebnis dieses redaktionellen Reflexionsprozesses können die LeserInnen seit dem Heft 31 prüfen.

Risse, so zeigt sich schließlich, sind nicht nur Indizien für Brüche, sondern sie signalisieren auch Leben und Bewegung, wie die bisherige Geschichte der RISSE zeigt. 

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